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Realität

Menschen mit Demenz haben andere Wahrnehmungen und leben in einer anderen Realität. Es macht wenig Sinn, sie mit unserer Realität zu konfrontieren. Besser ist es, wenn wir empathisch sind und uns auf ihre Realität einlassen. Wenn wir aufmerksam und empathisch sind, können wir uns ein Stück weit in ihre Realität begeben.

Was ist Realität? Das ist viel schwerer zu beantworten als es der erste Impuls einen glauben lässt. Realität ist ein theoretisches Konstrukt, hinter dem teils sehr unterschiedliche wissenschaftliche wie philosophische Konzepte und Definitionen stehen. Auf welches können wir uns alle einigen? Der Medienethiker Thilo Hagendorff schreibt in einem Essay zur Realität folgendes: 

«Ein weit verbreitetes Konzept von Realität geht davon aus, dass es eine materielle Wirklichkeit gibt, die über die Sinne wahrgenommen und durch Vorstellungen und Sprache abgebildet werden kann. Auf dieses Wirklichkeitskonzept beziehen wir uns meist, wenn wir im Alltag über Realität sprechen: Realität ist das, was beobachtet und gemessen werden kann, was durch faktisch belegbares Wissen zum Ausdruck gebracht wird, was als objektive Aussenwelt existiert und nicht beliebig ausfallen kann. Es gibt also im Alltag durchaus eine grobe Übereinkunft darüber, was Realität sein könnte». 

➔ Was ist Realität? Hagendorffs Beitrag über Realität in Zeiten von Virtual Reality und Fake News

Mit der Diagnose Demenz wird diese grobe Übereinkunft dessen, was wir unter Realität verstehen, jedoch brüchig. Denn für Betroffene sieht die Realität anders aus als für Gesunde. Sie beobachten andere Dinge, die objektive Aussenwelt stellt sich für sie anders dar. 

Niemand weiss, was im Kopf eines an Demenz erkrankten Menschen vor sich geht. Auch wenn sich im Anfangsstadium der Krankheit die Betroffenen noch selbst mitteilen können: Typisch für eine Demenz ist bereits von Beginn an eine verminderte Krankheitswahrnehmung. Seine Realität ist eine andere als die seines Umfelds. Dieser Konflikt führt leicht zu einer Verunsicherung des Betroffenen und zu aggressiven Reaktionen. 

Quelle YouTube

Zu den frühen Realitätseinbussen bei Demenz gehört der Verlust des Gefühls für Tageszeit, Datum oder Jahr. Betroffene wissen oft nicht, wo sie sich befinden oder wer die Menschen in ihrer Umgebung sind. Im früheren und mittleren Stadium der Krankheit kann «Training der Realitätsorientierung» (ROT) helfen. ROT bietet Orientierungshilfen in drei Bereichen:

  • Soziale Orientierung: Angehörige und Pfleger erläutern bei Nachfrage immer wieder, wer sie selbst sind. Sie sprechen die oder den Erkrankten mit vollem Namen an und geben bei Bedarf Informationen zur Person des Erkrankten und zu Familienmitgliedern.
  • Zeitliche Orientierung: Dazu zählen Informationen zur Tageszeit und zum Datum, zu entsprechenden Mahlzeiten, der Jahreszeit, anstehenden Feiertagen oder Festlichkeiten. Digitaluhren mit grossen Ziffern und Tages- und Wochentaginformation helfen bei der Orientierung. Auch ein gut sichtbarer Kalender mit Einträgen wie Geburtstagen, Ausflügen, Besuchen etc. hilft.
  • Räumliche Orientierung: Hierunter fallen Informationen zur näheren Umgebung – Wohnung, Wohnviertel, einzelne Strassen oder Geschäfte, Wohnort. Auf Spaziergängen wird die Umgebung immer wieder aufs Neue erkundet und so erinnert.

➔ Tipps zur Realitäts-Orientierung finden Sie hier

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«Biografiearbeit kann bedrohlich sein»

Christoph Held will der psychotischen Seite einer Demenzerkrankung mehr Beachtung schenken. Nostalgiezimmer findet der Heimarzt, Gerontopsychiater und Buchautor heuchlerisch, virtuelle Vergangenheitswelten … weiterlesen

Das Realitätstraining darf aber nicht zu intensiv betrieben werden, weil es den Betroffenen überfordern könnte. Vor allem im späteren Stadium der Krankheit macht es wenig Sinn, Menschen mit Demenz solche Informationen zu geben. Der Gerontopsychiater Christoph Held rät sogar davor ab, die Betroffenen mit Namen anzusprechen, da sie dies verunsichern würde.

Realitätsverlust findet in mehreren Stufen statt: Typisch für Menschen im Anfangsstadium einer Demenz ist vor allem die Behauptung, dass sie jemand bestohlen hat. Im späteren Stadium wehren sich manche Betroffene gegen die Pflege oder verbauen den Zugang in ihr Zimmer. Der Grund ist oft ihre Überzeugung, dass ihnen jemand etwas antun will

Diese Erscheinungsformen, genannt Bestehlungswahn und Vergiftungswahn, sind typisch bei dementiell Erkrankungen mit paranoid-halluzinatorischem Syndrom. Eine andere Ebene der Realitätsverschiebung ist erreicht, wenn die Betroffenen Wahnvorstellungen oder Halluzinationen entwickeln. Mediziner sagen dazu «psychotisches Symptom»

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Beziehung ist alles

Was will und braucht ein Mensch mit Demenz? Gedanken zu Empathie und Beziehung, zu mutmassen und sich hineinversetzen. weiterlesen

Psychotische Symptome kommen bei Menschen mit Demenz häufig vor. Vier von zehn Alzheimer-Patienten leiden unter solchen Symptomen. Von diesen hat jeder dritte Wahnvorstellungen und jeder fünfte Halluzinationen.

Hat jemand psychotische Symptome, hat er quasi einen Bezug zur Realität verloren. Er hört zum Beispiel Stimmen, obwohl keiner redet. Oder er sieht etwas, was gar nicht da ist, fühlt etwas auf der Haut, riecht etwas oder schmeckt etwas, obwohl ihn nichts berührt, keine Gerüche da sind oder er gar nichts im Mund hat. 

Halluzinationen

Halluzinationen

Bei psychotischen Störungen wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen verlieren die Betroffenen zeitweilig den Bezug zur Realität. Auch bei Menschen mit Demenz … weiterlesen

Manche haben das Gefühl, sie würden von jemandem kontrolliert, verfolgt oder bedroht oder sie seien das Ziel einer Verschwörung. Psychotische Symptome können sich auch darin äussern, dass die Betroffenen meinen, ihre Gedanken würden von aussen eingegeben, dass andere Menschen ihre Gedanken lesen oder ihr Verhalten steuern könnten. Das löst oft Angst aus.

Das Denken funktioniert bei psychotischen Störungen nicht mehr so wie früher. Die Betroffenen haben Mühe, ihr Denken zu strukturieren und einem roten Faden zu folgen. Das kann Aussenstehende ziemlich irritieren oder sie können den Betroffenen nicht mehr verstehen. Menschen mit psychotischen Störungen ziehen sich oft von ihrem Umfeld zurück, beschäftigen sich mit eigenen Ideen und leben in ihrer «eigenen Welt».

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Wenn sich die Nachbarn gegen einen verschwören

Viele Menschen mit Demenz leiden unter Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder dem Gefühl, ihre Mitmenschen seien durch Doppelgänger ausgetauscht. Das kann Angst auslösen … weiterlesen

Ein typisches Phänomen sind optische Halluzinationen bei einer Lewy-Körperchen-Demenz. In dieser Variante – die einen von 25 Demenz-Patienten trifft – schädigen Eiweissablagerungen im Gehirn die Nervenzellen und unterbrechen die Signale von Botenstoffen. Das Hirn kann dann Informationen nicht mehr richtig verarbeiten. Als eine Folge sehen die Betroffenen Menschen, Tiere oder Dinge, die es nicht gibt. Hier ist wichtig zu beobachten, ob die Trugbilder den Betroffenen Angst machen oder nicht.

Wenn die Halluzinationen behandlungsbedürftig sind, helfen atypische Neuroleptika. Klassische Neuroleptika dürfen Patienten mit Lewy-Körperchen-Demenz nicht bekommen, weil diese andere ihrer Symptome – die ähnlich sind wie bei Parkinson-Demenz – verschlechtern würden.

Als Fazit lässt sich sagen: Menschen mit Demenz leben in ihrer eigenen Realität, die oft nicht mit der Wirklichkeit ihres Umfeldes übereinstimmt. Der Verunsicherung, die daraus entsteht, lässt sich nicht beheben – auch wenn Angehörige und Pflegende das noch so gerne würden. 

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Wenn Verstorbene ins Zimmer kommen

Eine Lewy-Körperchen-Demenz äussert sich typischerweise durch optische Halluzinationen. Warum es so wichtig ist, eine Demenz korrekt einzuordnen und wie man als … weiterlesen

Besser ist es, den Betroffenen mit einer wertschätzenden Haltung der Akzeptanz zu begegnen. «Validation» ist der Fachausdruck dafür. Validation bedeutet, das Verhalten von Demenzpatienten als für sie gültig zu akzeptieren («zu validieren»). Es geht dabei nicht (mehr) darum, die oder den anderen zu korrigieren; vielmehr geht es darum, seine oder ihre Bedürfnisse zu verstehen. Für viele Betreuende und Angehörige ist das Akzeptieren von anderen Realitäten der wichtigste Schritt zum «guten» Umgang mit Menschen mit Demenz. 

➔ Hier geht’s zu Vorschlägen zum einfühlendem, empathischen Umgang

➔ Michael Schmieder, Uschi Entenmann; Dement, aber nicht bescheuert – Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken, Ullstein, 2015

➔ Chris Clarke u.a., Positive Demenzpflege, Hogrefe, 2019

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